September 2013

            Wie belastet ist unser Essen wirklich?

                               Führen uns Industrie und Behörden hinters Licht?

Am 24.9.2013 fand auf Einladung der BUND-Kreisgruppe Pinneberg eine Vortragsveranstaltung statt mit dem Thema „Wie belastet ist unser Essen wirklich? Führen uns Industrie und Behörden hinters Licht?“. Der BUND-Vorsitzende Prof. Dr. Hubert Weiger referierte am Beispiel des Pflanzenwirkstoffs Glyphosat über Risiken durch Pestizide für Mensch, Tier und Umwelt. Mehr als 100 Interessierte nahmen an der Veranstaltung teil.
Im Vorfeld hatten – organisiert durch Martin Redepenning – 18 Personen aus dem Kreis Pinneberg Urinproben vom Medizinischen Labor Bremen auf Glyphosat-Rückstände untersuchen lassen. Finanziert wurde die Untersuchung vom BUND-Landesverband. Hier die Ergebnisse in einer graphischen Darstellung:


Abgesehen von zwei „Ausreißern“ – den Probanden E2 und P3 – ist eine gewisse Abhängigkeit der Glyphosat-Gehalte im Urin von der Art der Ernährung erkennbar. Allerdings ist eine Stichprobenanzahl von 18 zu gering für den Beweis eines solchen Zusammenhangs.

Prof. Weiger berichtete über eine europaweite Studie des BUND und des Netzwerks Friends of the Earth, die im März 2013 begann und deren Ergebnisse am 13. Juni 2013 vorgestellt wurden (sie war Vorbild für unsere Mini-Untersuchung im Kreis Pinneberg). Aufgrund der Studie stellten die Grünen eine Anfrage im Bundestag, die von der Bundesregierung (auszugsweise) so beantwortet wurde: „Die BUND-Studie liefert einen Hinweis darauf, dass es eine allgemeine Hintergrundbelastung europäischer Bürger mit Glyphosat gibt, die jedoch nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) weit unterhalb des gesundheitlich bedenklichen Bereichs liegt. Es ist wahrschein- lich, dass Verbraucherinnen und Verbraucher über Lebensmittel Glyphosat-Rückstände aufnehmen.“
Als Hauptursache für die Glyphosat-Belastung von Lebensmitteln werden sogenannte Sikkationsspritzungen vermutet. Dabei wird das Pestizid auf die fast reife Frucht gespritzt, damit sie schneller und gleichmäßig abreift. So lassen sich Erntetermine besser planen. Der kurze zeitliche Abstand zwischen Spritzung und Ernte hat zur Folge, dass Glyphosat-Rückstände beispielsweise im Brot und anderen Getreideprodukten enthalten sind.

Hier kann die Präsentation zum Vortrag von Prof. Hubert Weiger heruntergeladen werden.

In Südamerika gibt es in der Umgebung von glyphosatbehandelten Soja- und Tabak- feldern Häufungen schwerer Gesundheitsschäden wie Missbildungen, körperliche Behinderungen, Hirnschäden und Herzfehler bei Neugeborenen. Außerdem Krebs, Leukämie, Hautkrankheiten, Geschwüre, Allergien, Haarausfall, Atemwegserkrankungen, Erbrechen und Durchfall. Das sind Hinweise, dass Pestizide mit Glyphosat als Haupt- wirkstoff doch nicht so harmlos sind, wie uns die Chemieindustrie, das BfR und andere Behörden weismachen wollen. Es wäre Aufgabe des BfR, solchen Hinweisen nachzu- gehen, d.h. beispielsweise, durch Zusammenarbeit mit Behörden und/oder Wissen- schaftlern in Südamerika Urinproben geschädigter Personen auf Glyphosat-Rückstände untersuchen zu lassen und diese mit Urinproben ungeschädigter Personen im selben Untersuchungsgebiet zu vergleichen. Dabei könnte z.B. herauskommen, dass es einen Zusammenhang zwischen Glyphosat-Gehalten im Urin und Gesundheitsschäden gibt und dass beide mit der Entfernung zur Belastungsquelle abnehmen. Es könnte auch herauskommen, dass im Urin geschädigter Personen in Südamerika sehr viel höhere Glyphosat-Gehalte gemessen werden, als bei den Probanden im Kreis Pinneberg, in Deutschland und Europa. Aber würde das bereits Entwarnung für uns bedeuten? Wäre das ein Beweis, dass die bei uns gemessenen Gehalte unbedenklich sind? Der Beweis müsste erst noch geführt werden und er wäre schwierig zu führen. Solange er aber noch aussteht, muss nach dem Vorsorgeprinzip die Anwendung von Glyphosat so eingeschränkt werden, dass Belastungen für VerbraucherInnen auch in niedrigen Dosen ausgeschlossen sind.

Doch das BfR legt die Hände in den Schoß (amtliche Formulierung: „kein Handlungs- bedarf“), verweist auf die Studien der Pestizidhersteller,  in denen – wie wäre es anders zu erwarten – Pestizide wie Glyphosat als ungefährlich bezeichnet werden, und ignoriert alle Hinweise auf die Gefährlichkeit des Pestizids. In den Studien der Hersteller wird weitgehend nur die Reaktion von Versuchstieren auf den reinen Wirkstoff geprüft.  Die fertigen Pestizid-Mischungen, wie sie in den Handel kommen, enthalten aber neben Glyphosat als Wirkstoff auch problematische Bei- und Hilfsstoffe (etwa Netzmittel), die alle zusammen in Kombination ganz andere Folgen haben können, als der reine Wirkstoff. Die Studien erfassen auch nicht die Wirkung von Abbauprodukten aller Bestandteile der Fertigmischungen, nicht auf Versuchstiere und schon gar nicht auf Menschen. So wird das Vorsorgeprinzip auf den Kopf gestellt: Solange nicht bewiesen ist, dass ein Pestizid gefährlich ist, kann es bedenkenlos angewendet werden. Nach dem Motto: Im Zweifel für Profite (Hersteller), für Bequemlichkeit (Anwender) und für die gute Freundschaft zwischen Behörden,  Herstellern und Anwendern, statt für einen Schutz von Menschen und Natur vor Chemikalien, deren Schädlichkeit zwar offensichtlich, aber angeblich noch nicht zweifelsfrei bewiesen ist.

Glyphosat gelangt auch durch den Import von Tierfutter aus sogenanntem Roundup-Ready-Soja (RR-Soja) auf Umwegen über das Fleisch und andere Produkte der damit gefütterten Tiere auf unsere Teller. Der Import dieses Futtermittels aus genmanipu- lierten Sojapflanzen ist auch deshalb unverantwortlich, weil wir uns dadurch mitschuldig machen an den schweren Gesundheitsschäden der Menschen in  Südamerika, die in der Umgebung von Sojafeldern leben müssen. Da diese Felder mit Unmengen an Glyphosat aus Flugzeugen besprüht werden, ist die Verdriftung des Giftes extrem hoch.

 



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