April 2015

                    1. Antibiotika im Grundwasser gefunden

                    2. MRSA und ESBL-bildende Keime aus Tierställen

                    3. Was sich ändern muss

 

1. Antibiotika im Grundwasser gefunden

Im Niedersächsischen „Schweinegürtel“ (Landkreise Cloppenburg und Vechta) wurde im ober- flächennahen Grundwasser das bei der Schweinemast verwendete Antibiotikum Sulfadimidin nachgewiesen. Der Kreislandvolkverband Cloppenburg (die dortige Bauernlobby) schiebt die Schuld auf andere: Ursache sei die Humanmedizin, denn bis Anfang der 1990er-Jahre wurde das Medikament auch hier eingesetzt. Klar, klingt glaubwürdig. Schließlich gab es Anfang der 1990er-Jahre noch keine Toiletten. Die Menschen – vor allem die, die das Medikament geschluckt hatten – mussten also nach draußen, um ihr Geschäft zu verrichten, und haben so das  Antibiotikum auf den Böden verteilt. Dort hat es dann etwa 20 Jahre gewartet, um sich schließlich auf den Weg nach unten zu machen. Im Jahr 2014 ist es dann endlich im oberflächennahen Grundwasser angekommen. Ganz anders verhält sich dagegen das Antibiotikum, wenn es mit der Schweinegülle auf den Böden verteilt wird: In diesem Fall verflüchtigt es sich auf wundersame Weise innerhalb kürzester Zeit, so dass es schon verschwunden ist, bevor es im oberflächennahen Grundwasser ankommen kann. Fazit: Die Schweinemäster sind unschuldig. Schuld ist die Humanmedizin. Eine umwerfende Logik, die sicherlich jeder denkende Mensch sofort nachvollziehen kann.

Genug der Ironie. Je mehr Antibiotika (in der Humanmedizin und Tiermedizin) eingesetzt werden, desto größer ist die Gefahr der Bildung antibiotikaresistenter Krankheitserreger. Brutstätten für solche Keime sind nicht nur Krankenhäuser, sondern in zunehmendem Maße auch Tierställe. Ist es schon bei einem Auftreten solcher Keime in Krankenhäusern schwierig, deren Ausbreitung zu verhindern, so ist dies bei Tierställen völlig unmöglich. Sie verbreiten sich über das Fleisch, die Menschen, die mit den Tieren in Kontakt kommen, die Abluft aus den Ställen, die Exkremente der Tiere (Gülle) und damit auch über die Produkte von güllegedüngten Feldern (Gemüse, Salat, Kartoffeln etc.). Die Folge: Immer öfter bleibt die Behandlung von Infektionen durch Antibiotika ohne Wirkung.

Bakterien geben ihr Erbmaterial nicht nur im Rahmen der Vermehrung weiter (vertikaler Gen- transfer), sie tauschen es auch untereinander und sogar mit völlig anderen Bakterienstämmen aus (horizontaler Gentransfer). Wird ein Bakterium durch eine Mutation gegen ein Antibiotikum resistent, kann es sich aufgrund der mangelnden Konkurrenz durch die vom Antibiotikum abgetöteten Bakterien besonders gut vermehren und es kann die Resistenz an andere Bakterien weiter geben. So entstehen völlig neue Keime, die unter Umständen gegen mehrere Wirkstoffe Resistenzen aufweisen, also multiresistent sind.

Die 2013 produzierte ARTE-Dokumentation „Killer Keime - Gefahr aus dem Tierstall“ thematisiert (einmal mehr) die gefährlichen Folgen des Antibiotikamissbrauchs in der Billigfleisch-Produktion. Etwa 1700 t Antibiotika wurden im Jahr 2011 in Deutschland in der Tiermast eingesetzt.

 

2. MRSA und ESBL-bildende Keime aus Tierställen

MRSA ist die Abkürzung für Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Staphylokokken sind weit verbreitete Bakterien, die beim Menschen im Falle von Wundinfektionen oder bei ge- schwächtem Immunsystem zu schweren Erkrankungen führen können: Hautentzündungen (Furunkel, Karbunkel), Muskelerkrankungen (Pyomyositis, eitergefüllte Abszesse in den Mus- keln), in ungünstigen Fällen auch zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Lungenentzündung, Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut), Toxisches Schocksyndrom (TSS) und Sepsis (Blutvergiftung). All diese Erkrankungen lassen sich so lange erfolgreich mit  Antibiotika behan- deln, wie der Erreger noch keine Resistenz gegen den eingesetzten Wirkstoff entwickelt hat.

Der Grundstamm von Staphylococcus aureus stammt vom Menschen und wurde auf Tiere (Schweine, Geflügel) übertragen. Durch maßlosen Missbrauch von Antibiotika insbesondere in Massentierställen mutieren die Bakterien (wie oben beschrieben) zu MRSA-Stämmen. Mit solchen Stämmen ist dann häufig das Fleisch aus Massentierställen „besiedelt“. Bei der Zubereitung werden sie in der Küche verbreitet. Zwar werden sie beim Erhitzen abgetötet. Bevor aber bspw. ein Hähnchen im Topf ist, sind Arbeitsgeräte, Schüsseln, Hände etc. mit den Keimen verseucht.

Eine andere Gruppe in Tierställen „gezüchteter“ gefährlicher Krankheitserreger sind die ESBL- bildenden Keime. Sie haben die Eigenschaft erworben, das Enzym Beta-Laktamase zu bilden, das eine ganze Gruppe wichtiger Antibiotika inaktiviert (ESBL = Extended-Spectrum Beta- Laktamase). Aber nicht nur das: Gelangen ESBL-Keime in den menschlichen Verdauungstrakt, wird diese Eigenschaft auf andere Keime übertragen. Die Folge: Im Falle einer Infektion wirken übliche Antibiotika nicht. Noch helfen in solchen Fällen meistens die sogenannten Reserve-Antibiotika. Da aber auch in der Tiermast vermehrt Reserve-Antibiotika eingesetzt werden, weil die üblichen auch gegen Tiererkrankungen immer weniger wirken, werden die Keime zunehmend auch gegen Reserve-Antibiotika resistent.

Hat sich seit 2013, dem Produktionsjahr der ARTE-Dokumentation, etwas geändert? Immerhin hat die Bundesregierung im Juli 2014 eine Tierarzneimittel-Meldepflicht auch für Tierzucht- und -mastbetriebe eingeführt. Vorher wurden pauschal nur die an Tierärzte abgegebenen Mengen erfasst. Nun müssen Betriebe ab einer bestimmten Größe den Behörden halbjährlich melden, wie häufig sie ein Antibiotikum bei einer Tierart und an wie viele Tiere verabreicht haben. Ziel der Meldepflicht: Führung einer Statistik, die einen Vergleich zwischen den Betrieben ermöglicht. Wer über dem Durchschnitt liegt, muss unter Hinzuziehung eines Tierarztes ein Konzept zur Verringerung des Antibiotika-Einsatzes erstellen. Dumm nur, dass sich in Schleswig-Holstein etwa 40% der meldepflichtigen Betriebe nicht an die Meldepflicht halten. Dumm auch, dass diese 40% mit einem Antibiotikaverbrauch von Null in die Statistik eingehen. So sinkt auf wundersame Weise der offizielle Durchschnittsverbrauch auf einen Wert weit unterhalb des tatsächlichen. Wie weit unterhalb? Ja, das weiß natürlich niemand. Wenn man aber annimmt, dass die Meldever- weigerer eher einen überdurchschnittlichen Verbrauch haben (könnte man ja evtl. vermuten), dann liegt der offizielle Durchschnittsverbrauch sogar um mehr als 40% unter dem tatsächlichen. Schlecht für diejenigen, die sich an die Meldepflicht gehalten haben, denn sie liegen mit ihrem Verbrauch fast alle über dem wundersam niedrigen Durchschnitt. Offen scheint bis jetzt zu sein, wer mehr Ärger bekommt, die Meldeverweigerer (wegen des Verstoßes gegen die Meldepflicht) oder die Pflichtbewussten (weil ihr Verbrauch über dem offiziellen Durchschnitt liegt). Offen ist auch, ob der Antibiotikamissbrauch in der Tierhaltung auf diesem Wege reduziert werden kann. Mikrobiologen gehen davon aus, dass selbst eine Halbierung des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung bei Weitem nicht ausreicht, das Problem der Ausbreitung resistenter Keime zu verringern. Das zeigen auch Erfahrungen aus Dänemark: Trotz gewisser Erfolge bei der Reduzierung des Antibiotikaverbrauchs wurden die Probleme durch resistente Keime aus Tierställen nicht weniger.

Auch in Deutschland ist zwar schon im Jahr 2013 im Vergleich zu 2012 die Gesamtmenge der in der Tiermast verbrauchten Antibiotika leicht zurückgegangen (für 2014 sind noch keine Verbrauchsmengen zu finden). Dagegen ist aber der Verbrauch der für die Humanmedizin wichtigen Reserve-Antibiotika stark angestiegen. Wenn sich der Trend fortsetzt, werden die gefährlichen Keime bald „fit“ sein, auch noch den letzten Antibiotika zu widerstehen.

Anders als die Dänen, setzt die Bundesregierung auf „Leitlinien“ und „Selbstverpflichtungen“ statt auf  verbindliche Vorgaben. Anders als die Dänen, setzt die Bundesregierung weiterhin auf das so genannte tierärztliche Dispensierrecht, das den Tierärzten erlaubt, Arzneimittel direkt vom Hersteller zu beziehen und mit Gewinn an Tierhalter zu verkaufen. Je größer die Mengen, die ein Tierarzt vom Hersteller bezieht, desto größer der Mengenrabatt, desto größer der Gewinn. Ein System, das völlig falsche Anreize setzt – mit Sicherheit keine Anreize setzt, die Antibiotikamengen in der Tierhaltung zu reduzieren.

Schon 2011 hatte die (schwarz-gelbe) Bundesregierung die Deutsche Antibiotika-Resistenz- strategie (DART) entwickelt – eine tolle Leistung, und offensichtlich auch heute noch unverändert das Maß aller Dinge, nur leider wirkungslos. Auf einen kurzen Nenner gebracht ist DART - bezogen auf den Bereich der Landwirtschaft - eine Bettelschrift an die Akteure (Landwirte, Tierärzte, Tierarzneimittel-Hersteller): „Bitte, bitte, seids doch alle miteinander a Bisserle verantwortungsbewusster im Umgang mit Antibiotika.“

 

3. Was sich ändern muss

Die ARTE-Dokumentation „Killer Keime - Gefahr aus dem Tierstall“ berichtet über zwei Mastbetriebe (ein Biobetrieb und ein konventioneller), die völlig ohne Antibiotika auskommen. Die Beispiele zeigen: Ein Verzicht auf Antibiotika in der Tiermast ist möglich, auch in der konventio- nellen Landwirtschaft. Allerdings erfordert dies deutlich andere Haltungsformen, als die in Massentierfabriken. Artgerechte weniger intensive Haltungsformen mit deutlich mehr Platz für die Tiere sind auch aus ethischen Gründen und Gründen des Tierschutzes zu fordern. Daraus folgt:

  • Abschaffung des tierärztlichen Dispensierrechtes, das völlig falsche Anreize setzt. Stattdessen sollten Tierärzte Medikamente nur „verschreiben“ können, ohne daran zu verdienen (wie in Dänemark). Das wird voraussichtlich ein lautes Geschrei der Tierarzneimittelhersteller und einiger Tierärzte auslösen, was aber kein Grund sein kann, darauf zu verzichten.
  • Die Haltungsformen in der Tiermast sind (aus mehreren Gründen) so zu verändern, dass ein Verzicht auf Antibiotika möglich wird. In der Folge könnten Antibiotika in der Tiermast*) verboten werden. Dies ist ein Teil der von Tierschutz-, Natur- und Umweltverbänden, verantwortungsbewussten Bäuerinnen und Bauern, Bürgerinnen und Bürgern geforderten Agrarwende, die jedoch nur möglich wird, wenn für alle Markteilnehmer gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen. Die Agrarwende müsste sich also sukzessive in der gesamten EU vollziehen. Außerdem müsste es weiterhin möglich sein, sich vor Billigimporten aus Märkten zu schützen, die weiterhin auf Massentierfabriken, Antibiotika- und Hormonmissbrauch setzen. Bundesregierung und EU-Kommission planen jedoch mit den sogenannten „Freihandels“- und „Investitionsschutz“-Abkommen TTIP und CETA gerade das Gegenteil, indem sie die EU für noch billigeres Billigfleisch aus den USA und Kanada öffnen wollen.

*) Grundsätzlich ist zwischen Tierzucht und –mast zu unterscheiden. Wertvolle Zuchttiere (einschl. Milchkühe) sollten natürlich auch weiterhin mit Antibiotika behandelt werden können, wenn es unvermeidbar ist.



Ihre Spende hilft.

Suche